StartHintergrundInterviews & PorträtsLeo Wigger: "Aus strategischer Apathie ist in Teilen ein regelrechter Indien-Hype geworden"

Leo Wigger: „Aus strategischer Apathie ist in Teilen ein regelrechter Indien-Hype geworden“

Deutschland setzt große Hoffnungen auf Indien. Doch wie realistisch sind die Erwartungen? Leo Wigger, Leiter des Indienzentrums der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), spricht mit Bijon Chatterji über den neuen Indien-Hype, die Grenzen des Freihandelsabkommens und die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen. Seine Warnung: „Premiumpreise für die Technik von vorgestern funktionieren dort nicht.“

Leo Wigger leitet seit August 2026 das neu gegründete Indienzentrum der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) in Berlin. Foto: L. Wigger / DGAP

Herr Wigger, Sie übernehmen die Leitung des neu gegründeten Indienzentrums der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Welche Aufgaben und inhaltlichen Schwerpunkte haben Sie sich für diese Rolle vorgenommen, und woran möchten Sie den Erfolg Ihrer Arbeit messen?

Die Ausgangslage ist folgende: Die Welt verändert sich gerade mit großer Geschwindigkeit – technologisch, ideell, geopolitisch. Europas bestehendes außenpolitisches Koordinatensystem ist gestört. Dass sich die Beziehungen zu den USA, China und Russland wieder auf dem alten Normalzustand der frühen 2000er-Jahre einpendeln, ist schlichtweg unwahrscheinlich. Wir müssen uns also neu aufstellen. Die Frage ist: Igeln wir uns als Reaktion darauf ein, oder gehen wir raus in die Welt und versuchen, neue und bestehende Partnerschaften aktiv zu vertiefen und pragmatisch weiterzuentwickeln? Ich plädiere für Letzteres. Und da kommt Indien eine Schlüsselrolle zu: als bevölkerungsreichstem Land der Welt, als aufstrebender Wirtschaftsmacht, als potenziellem dritten Pol in der internationalen Ordnung mit historischer Skepsis sowohl gegenüber den USA als auch gegenüber China, als vielschichtiger politischer Entität mit starker demokratischer Grundprägung.

Worauf kommt es für Sie an?

Mein Leitgedanke für die Vertiefung der Beziehungen zu Indien ist ein zugewandter Realismus: ehrliches Interessenmanagement statt Wunschdenken, verbunden mit dem Willen, langfristig in die Partnerschaft zu investieren. Dafür blicken wir im Indienzentrum mittelfristig vor allem auf Fragen der unmittelbaren politischen Agenda: auf Handel, auf Tech, auf Sicherheits- und Geopolitik, aber auch auf Energie und Klima, Konnektivität und Mobilität. Langfristig werden wir aber nur weiterkommen, wenn die grundsätzliche Indienkompetenz, das Verständnis für indische Diskurse, politische Kontinuitäten und Ideengeschichte in Deutschland in der Breite wachsen. Das gilt übrigens auch umgekehrt: In indischen Thinktanks gibt es bisher sehr viel mehr Expertise zu den USA oder China, aber nur begrenztes Wissen über Europa.

Dennoch unterhalten Deutschland und Indien seit Jahrzehnten enge politische, wirtschaftliche und wissenschaftliche Beziehungen. Warum braucht es gerade jetzt ein eigenes Indienzentrum innerhalb der DGAP? Welche Lücke soll es schließen, die bestehende Institutionen und deutsch-indische Netzwerke bislang nicht abdecken?

Die politische Agenda ist anspruchsvoll. Indien ist für Deutschland ein Schlüsselpartner. Mit dem Freihandelsabkommen (FTA), dem Handels- und Technologierat (TTC), der wichtiger werdenden Sicherheitspartnerschaft und der wachsenden indischen Migration ist der politische Rahmen für eine langfristige Vertiefung der Beziehungen gelegt. Nur: Bei vielen Fragen liegen die Probleme im Detail. Trotz allem gehört Indien weiterhin nicht zu den 20 größten Handelspartnern Deutschlands; selbst in Brasilien investiert die EU deutlich mehr, obwohl das Land nur ein Siebtel der Einwohner Indiens hat. Auch in den Bereichen Verteidigung und Migration ist die politische Realität komplexer, als die Schlagzeilen vermuten lassen.

Woran liegt es, dass Indien in Deutschland noch immer vergleichsweise wenig verstanden wird?

Ein Grund: Das Wissen über Indien und Südasien ist in der deutschen Politik und Verwaltung, in Medien und Thinktanks strukturell noch dünn. Für China gibt es mit MERICS eine große, politiknahe Institution; für Indien oder Südasien fehlt etwas Vergleichbares. Es wird zwar inzwischen etwas mehr in die Indienforschung investiert, bislang aber vor allem in Vernetzung. Thinktanker, die sich tatsächlich ausschließlich mit Indien befassen, lassen sich in Deutschland noch an einer Hand abzählen. Europaweit ist die Lage kaum besser. Dabei ist Indien als föderale Demokratie enorm vielschichtig. Ein genauer Blick lohnt sich. Und die Zeit drängt. Mit dem Freihandelsabkommen und der Verteidigungspartnerschaft wird die Beziehung interessengeleiteter; gleichzeitig ist aus strategischer Apathie in Teilen ein regelrechter Indien-Hype geworden. Beides braucht Einordnung.

Das Indienzentrum wurde kürzlich im Beisein von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche, Indiens Handelsminister Piyush Goyal und Botschafter Ajit Gupte eröffnet. Wie haben Sie diesen Auftakt persönlich erlebt – und welche Erwartungen wurden dabei an das Zentrum herangetragen? Wo sehen Sie möglicherweise unterschiedliche deutsche und indische Interessen?

Dass die Handels- und Wirtschaftsminister der laut IWF-Prognose dritt- und viertgrößten Volkswirtschaften der Welt das Zentrum gemeinsam eröffnet haben, zeigt, wie groß das Interesse auf beiden Seiten ist. Und ist zugleich eine Verpflichtung. Die Erwartungen waren deutlich zu hören: Beide Seiten wollen ungenutztes Potenzial, gerade mit Blick auf Handel, heben. Die indische Wirtschaftsdelegation bestand aus rund 100 CEOs. Auch von deutscher Seite war das Interesse groß. Die Energie im Raum war förmlich zu spüren. Eine Veranstaltung, die in ihrer Dynamik sicher noch nachwirkt. Bei allem Optimismus wurde aber auch klar: Aktuell besteht eine Lücke bei der Umsetzung. Beide Minister haben den Ball dabei auch der Wirtschaft zugespielt. Deren Erfahrungen sind allerdings durchaus gemischt.

Wenn ich richtig lese, versteht die DGAP sich als unabhängiger und überparteilicher Thinktank, ist für ihre Arbeit jedoch auch auf institutionelle und projektbezogene Förderung angewiesen. Wie ist die Arbeit des Indienzentrums finanziell und organisatorisch abgesichert, und welche Vorkehrungen gewährleisten, dass Förderer oder politische Partner keinen Einfluss auf Forschungsfragen, Analysen und öffentliche Positionierungen nehmen?

Als gemeinnütziger Verein arbeitet die DGAP transparent, evidenzbasiert und wissenschaftlich und ist seit Jahrzehnten im Umgang mit komplexen Erwartungshaltungen von Förderern und politischen Partnern bestens erprobt. Dabei sind wir weder Aktivisten noch Big Five Consultancy. Unser Arbeitsauftrag lautet: Außenpolitik besser machen. Dazu gehört eine kritische Grundhaltung ebenso wie ein konstruktiver Anspruch. Neben Stimmen aus Zivilgesellschaft, Politik, Kultur und Wissenschaft kommt dabei der Wirtschaft eine entscheidende Rolle zu. Denn ohne eine Vertiefung der wirtschaftlichen Beziehungen wird auch die politische Partnerschaft hinter den Erwartungen zurückbleiben. Ein aktiver Austausch mit der Wirtschaft ist daher ausdrücklich erwünscht, zumal im politischen Berlin oft nur bruchstückhaft ankommt, wo Unternehmen mit Blick auf Indien der Schuh drückt. Ein Alleinanspruch, unsere Agenda zu bestimmen, lässt sich daraus jedoch nicht ableiten. Ganz persönlich ist das Ziel, das Zentrum langfristig zu etablieren.

Das FTA zwischen Indien und der EU weckt auf beiden Seiten große Erwartungen, ist aber noch nicht in Kraft. Zwischen den vereinbarten Regeln und ihrer praktischen Umsetzung können erhebliche Unterschiede liegen. Welche wirtschaftlichen und regulatorischen Schwierigkeiten sehen Sie, insbesondere für mittelständische Unternehmen, und wie kann das Indienzentrum dazu beitragen, solche Hindernisse frühzeitig zu erkennen?

Das Abkommen ist ein echter Erfolg, aber zur Wahrheit gehört: Sensible Produkte sind weitgehend ausgenommen, und sinkende Zölle ändern Marktrealitäten nicht über Nacht. Indien bleibt bürokratisch und reflexhaft protektionistisch; der Markt ist kostensensibel und zugleich technikaffin. Premiumpreise für die Technik von vorgestern funktionieren dort nicht. Europäische Autohersteller kommen bislang auf unter vier Prozent Marktanteil. Deutschland wird in weiten Teilen des Marktes strukturell nicht wettbewerbsfähig sein und sollte sich auf Bereiche mit echtem Potenzial konzentrieren: Spezialmaschinenbau, Verteidigungstechnik, grüne Technologien, Mobilität. Für die Wirtschaft heißt das auch, über Anker wie Bengaluru, Pune und Hyderabad hinaus in die Bundesstaaten zu schauen und strategische Chancen realistisch zu sehen.

Gerade Mittelständler stehen in Indien zudem vor großen regulatorischen Hürden. In Indien sorgen dagegen EU-Maßnahmen wie CBAM regelmäßig für Entrüstung. Wir wollen die Umsetzung eng begleiten und Hindernisse früh benennen – gemeinsam mit Politik, Wirtschaft und Verbänden.

Die deutsch-indischen Beziehungen werden häufig vor allem unter wirtschaftlichen und strategischen Gesichtspunkten betrachtet. Zugleich bestehen unterschiedliche Positionen etwa in der Klima-, Handels- und Sicherheitspolitik sowie im Verhältnis zu Russland und China. Wie wird das Indienzentrum mit solchen Differenzen umgehen? Soll es auch unbequeme Fragen aufgreifen, selbst wenn diese dem politischen Wunsch nach engerer Zusammenarbeit widersprechen?

Ja, das ist Teil unseres Ansatzes des zugewandten Realismus. Indien will ein eigenes Machtzentrum sein und betrachtet feste Allianzen mit Argwohn. Das erklärt etwa, warum Delhis Ölimporte aus Russland steigen, während die Rüstungsabhängigkeit von Moskau sinkt. Das muss man verstehen, nicht schönreden. Zum Verständnis gehört aber auch, die Welt einmal aus der Perspektive des Gegenübers zu betrachten. Empathiefähigkeit ist wichtig, sie macht Außenpolitik besser. Unbequeme Fragen gehören dazu. Auch an uns selbst. Kluge Politik sucht neben dem Trennenden aber auch das Gemeinsame. Und da gibt es aus meiner Sicht noch einiges zu entdecken, gerade im Bereich der internationalen Organisationen zum Beispiel.

Wenn wir also in drei oder fünf Jahren erneut miteinander sprechen: Was müsste das Indienzentrum bis dahin erreicht haben, damit Sie sagen können, seine Gründung war notwendig und hat die deutsch-indischen Beziehungen tatsächlich vorangebracht?

Die deutsch-indischen Beziehungen haben immer wieder Wellen erlebt. Meist folgte auf eine Welle des Enthusiasmus eine Phase der Ernüchterung. Gerade surfen wir auf der Welle der großen Hoffnung, sicher auch angetrieben durch die aktuelle Politik im Weißen Haus. Dabei sind viele strukturelle Hindernisse zwischen der EU und Indien noch lange nicht aus dem Weg geräumt. Ein Erfolg wäre, wenn statt der nächsten Phase der rituellen Ernüchterung nun eine Phase der konstruktiven Vertiefung käme. Dabei kann es durchaus zu Reibungen kommen. Wichtig ist, dass am Ende mehr steht als eine verpasste Chance. Wenn das Indien-Zentrum dabei zusammen mit vielen Partnern einen zentralen Part einnehmen kann, dadurch dass wir Themen setzen und in unterschiedliche Gruppen hineinübersetzen, Leute verbinden und Räume für Debatten öffnen, wäre schon viel gewonnen.

Herr Wigger, vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch und Ihre offenen Einschätzungen.

Bijon Chatterji
Bijon Chatterji
Dr. Bijon Chatterji ist Mitbegründer und Chefredakteur von theinder.net. Nach Studium, Promotion und Forschung in Braunschweig und Hannover wechselte er in die Biotechnologiebranche, wo er seit über einem Jahrzehnt internationale strategische Führungsaufgaben mit Schwerpunkt Indien wahrnimmt. Von 2012 bis 2016 gehörte er der Auswahlkommission des Programms „Deutsch-Indisches Klassenzimmer“ der Robert Bosch Stiftung und des Goethe-Instituts Neu-Delhi an. Seit 2018 ist er Mitorganisator des „Hanseatic India Colloquium“ in Hamburg, referierte unter anderem am IIT Bombay und nimmt seit 2023 auf Einladung der Bundesintegrationsbeauftragten an Dialoggesprächen im Bundeskanzleramt teil. Seit 2026 ist er Mitglied des Indo-German Media Network.

1 Kommentar

  1. “Indien-Hype”,
    „Annäherung“, “Curry” … “Inder-Kinder” ergänzen sich ganz gut?! Das “Indien-Bild” möchte sich vor Ort “linear” entwickeln? Eine Veränderung halte ich so wie der Artikel für schwierig aus historischen, kulturpolitischen, soziokulturellen Gründen. Ich habe das Indienbild, wirklichkeitsnah, in UK, USA … deutlich anders empfunden, auch wenn die Wirtschaftszusammenarbeit mit Deutschland immer gut und groß war, ist und blei??? 🙂

    Wenn ich gigantisch-majestätische Staatsempfänge von Modi u. a. auch in Indonesien, Ghana… untersuche, kommt es mir vor, dass “Global South” im Herzen Delhis wichtiger wird, auch wenn sich deren Infrastrukturen mit Dt. nicht vergleichen lassen. Noch 🙂 ? Denn: Infrastrukturvorsprünge sind keine ewigen Besitzstände!

    Delhi scheint den Global South nicht mehr nur als diplomatische Solidaritätsgemeinschaft zu betrachten, sondern zunehmend als strategischen Zukunftsraum Indiens.

    Als Sportfan bin ich jedoch heilfroh, dass die indische Hockey-Mannschaft wieder aufkommt und in der Lage ist, das Land der Fußball-Fans immer wieder zu bezwingen.
    Die jüngere Generation auch (theinder.net) schreibt weiter, veröffentlicht divers und bleibt ambitioniert…

    A. Kumar, Junior Professor of German and Cultural Studies

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