In seiner „Indien-Rede“ mit dem Titel „Der Wandel einer Nation – Meine Erfahrungen aus fünfzig Jahren in Indien“, die er am 25. September 2026 im Rahmen der Trierer Indientage der Deutsch-Indischen Gesellschaft hielt, blickt der Rabindranath-Tagore-Preis- und Bundesverdienstkreuzträger Martin Kämpchen auf fünf Jahrzehnte tiefgreifenden Wandels zurück. Die hier exklusiv veröffentlichte Rede ist eine persönliche Bilanz und zeichnet Indiens Entwicklung von den 1970er Jahren bis in die Gegenwart nach – und richtet den Blick auf die junge Generation, der Kämpchen eine zentrale Rolle für die Zukunft des Landes zuschreibt.

In Indien sieht man einem Menschen wie mir an, dass er nicht zum ersten Mal in diesem Lande ist. Denn schon meine Kleidung und mein Auftreten unterscheiden mich von einem Touristen. Die Menschen zögern deshalb nicht lange, ihrer Neugier nachzugeben. Sie kommen auf mich zu und stellen die übliche Frage: „Wie viele Tage sind Sie schon in Indien?“
Meine Antwort lautet: „Ich zähle die Tage nicht mehr.“
Eine solche rätselhafte Antwort stellt einen indischen Gesprächspartner natürlich nicht zufrieden. Er oder sie fragt weiter, bis ich schließlich mit der Sprache herausrücke: „Ich bin jetzt seit fünfzig Jahren in Indien.“
„Fünfzig?“ Es folgt ein erschrockenes, ungläubiges Schweigen. Junge Menschen aus der indischen Mittelschicht halten ihren dringenden Wunsch, Indien zu verlassen und in ein westliches Land zu gehen, für ganz natürlich. Der umgekehrte Wunsch – dass ein Deutscher in Indien leben möchte – erscheint dagegen ungewöhnlich und erklärungsbedürftig.
So musste ich meine Entscheidung, in Indien zu leben, immer wieder rechtfertigen – in Deutschland ebenso wie in Indien. Dafür wurde ich mit einer immensen Lebenserfahrung beschenkt.
Annäherungen an Indien
M. K. Gandhi war die erste indische Persönlichkeit, mit der ich mich eingehend beschäftigte. Er spielte eine Rolle bei meiner frühen Entscheidung, Kriegsdienstverweigerer zu werden, also den Militärdienst an der Waffe abzulehnen. Ende der 1960er Jahre bestand in Westdeutschland Wehrpflicht. Als 18-Jähriger las ich Mahatma Gandhis Grundsätze der Gewaltlosigkeit und berief mich auf sie, als ich meine Entscheidung vor einem Gremium aus Generälen und Regierungsbeamten verteidigte.
Den zweiten Schritt auf Indien zu machte ich, als ich mich für die Ramakrishna-Bewegung zu interessieren begann, genauer gesagt für die Bildungsarbeit des modernen hinduistischen Mönchsordens, der Ramakrishna Mission. Ich bewarb mich um ein dreimonatiges Reisestipendium für Indien. 1971 – ich war gerade 21 Jahre alt – flog ich nach Bombay und nahm von dort den Zug quer durch Nordindien nach Kolkata. Damals dauerte diese Reise zwei Tage und zwei Nächte. Die Atmosphäre war gemütlich, gesellig; jeder sprach mit jedem. Als ich in Kolkata ankam, hatte ich bereits meine ersten indischen Freunde gefunden!
Es war meine erste Erfahrung mit jener indischen Begabung, mit anderen Menschen, oft völlig Fremden, ins Gespräch zu kommen und Verbindungen zu knüpfen. Ich lernte diese Fähigkeit und dieses Bedürfnis nach Kommunikation zu schätzen und zu genießen. Für mich ist es ein wesentliches Merkmal des indischen Charakters. Ich wage sogar zu behaupten, dass diese Eigenschaft dazu beiträgt, eine Nation wie diese als Ganzes zusammenzuhalten. Lange bevor das Internet den Begriff „Networking“ hervorbrachte, waren Inder bereits Meister darin: durch den ständigen Austausch innerhalb der Familie, in der Nachbarschaft, unter Kollegen und in immer größeren Kreisen. Es war immer eine Mischung aus aufrichtiger Anteilnahme am anderen und einer Möglichkeit, Langeweile zu vermeiden. In Bengalen haben wir dafür einen besonderen Begriff – adda.
Einen ganzen Monat verbrachte ich im Ramakrishna Mission Institute of Culture in Kolkata, eingeladen von dessen Gründer Swami Nityaswarupananda. Er war mein erster Lehrer in hinduistischer Spiritualität. In den gemeinsamen Mahlzeiten sprach der Swami mit mir über die Einheit der Menschheit und die spirituelle Einheit allen Seins. Er war ein überzeugter Anhänger des Vedanta und sprach darüber mit der Klarheit tiefer Überzeugung.
Während meiner ersten drei Monate in Indien wurde mir klar, dass ich zurückkehren musste. Ich hatte noch so wenig verstanden. Swami Nityaswarupananda lud mich ein, nach Abschluss meines Studiums in Europa wieder nach Indien zu kommen. Zwei Jahre später, 1973, hatte ich meine Promotion in Germanistik an der Universität Wien abgeschlossen. Ich kehrte nach Kolkata zurück und begann als Deutschlehrer am Institut zu arbeiten. Zu meinem Glück bekam ich ein Zimmer im Ashram der Ramakrishna Mission in Narendrapur südlich von Kolkata.
Indien im Jahr 1973
Wie sah Indien 1973 aus? Das Fernsehen war noch nicht angekommen. Im Radio gab es nur den staatlichen Sender Akashvani. Die Filmindustrie in Bombay war zwar bereits sehr aktiv, produzierte aber noch Schwarzweißfilme. Die Filmindustrie in Kolkata steckte noch in ihren Anfängen, mit dem Regisseur Satyajit Ray als ihrer prägenden Persönlichkeit. Computer waren in weiter Ferne. Schwere, klobige Schreibmaschinen sah man fast nur in Behörden. Dort beschäftigte man Schreibkräfte, die Diktate aufnahmen und die Texte anschließend tippten. In meinem Koffer führte ich eine wesentlich kleinere Schreibmaschine mit, eine sogenannte Reiseschreibmaschine, die in meinen Pass eingetragen wurde, damit ich sie in Indien nicht verkaufen konnte.
Die Kongresspartei saß sowohl in Delhi als auch in Westbengalen noch fest im Sattel. Damals war es schwer vorstellbar, dass sich an dieser Parteienherrschaft in absehbarer Zeit etwas ändern könnte. Es war noch deutlich die Zeit nach der Unabhängigkeit zu spüren. Viele der großen Persönlichkeiten der Freiheitsbewegung lebten noch und trugen das Ethos und den Idealismus des Kampfes gegen die Kolonialherrschaft in sich. Die gandhianische Atmosphäre der Gewaltlosigkeit lag noch in der Luft. Anhänger Gandhis wie Morarji Desai, Indira Gandhi und Jayaprakash Narayan bestimmten die Politik oder prägten die öffentliche Meinung.
Ich erinnere mich an die Diskussionen, die die Bhoodan-Bewegung um Vinoba Bhave auslöste. Oder an den intellektuellen Einfluss, den Präsident Sarvepalli Radhakrishnan auf das Land ausübte. In Madras, dem heutigen Chennai, sah ich den umstrittenen Denker Jiddu Krishnamurti vor großen Menschenmengen sprechen. Mehrmals erlebte ich Indira Gandhi in Santiniketan und in Madras, wie sie in ihrer bedächtigen und autoritativen Art sprach.
Im Rückblick wird mir bewusst, wie sehr das öffentliche Leben Indiens damals noch damit beschäftigt war, nach Jahrhunderten kolonialer Unterwerfung sein Selbstvertrauen und seine geistige Autorität wiederzufinden. Auf der Weltbühne gehörte Indien zu den führenden Staaten der Bewegung der Blockfreien. Inzwischen ist diese Bewegung verblasst, weil ihre Mitgliedsstaaten kaum noch eine gemeinsame Grundlage finden. Ost und West sind keine monolithischen Blöcke mehr; sie haben sich ausdifferenziert. Überraschenderweise hat Indien jedoch im vergangenen Jahrzehnt erneut eine starke mittlere Position zwischen den westlichen Ländern auf der einen und Russland und China auf der anderen Seite gewonnen.
Leben mit hinduistischen Mönchen und christlichen Patres
Im Ashram von Narendrapur erhielt ich ein zellenartiges Zimmer. Dort lebte ich Seite an Seite mit den Mönchen und durfte an ihrem Leben so umfassend teilnehmen, wie ich wollte. Stellen Sie sich vor, ein Benediktinerkloster würde einen gläubigen Hindu aufnehmen und bei sich leben lassen! Vor allem vor fünfzig Jahren wäre das kaum vorstellbar gewesen. Im Ashram von Narendrapur wurde mir sogar die Verantwortung für einen kleinen Tempel übertragen – ihn zu reinigen, die Götterbilder mit Blumen zu schmücken und mit Räucherstäbchen zu verehren. Eine solche spirituelle Offenheit war ein Kennzeichen des Ordens der Ramakrishna Mission. Wenn ich dagegen durch Nord- und Südindien reiste, blieben mir viele Tempel verschlossen, weil ich kein Hindu war.
Andere Monumente von nationaler Bedeutung standen mir nur offen, wenn ich das Zehnfache dessen bezahlte, was indische Staatsbürger entrichten mussten. Wie unterschied man einen Inder von einem Ausländer? Offensichtlich anhand seiner Hautfarbe.
Nachdem ich drei Jahre in Kolkata unterrichtet hatte, zog ich weiter nach Südindien und lebte drei Jahre lang bei Jesuitenpatres in Madras. Ich hatte außerordentliches Glück. Durch das Zusammenleben mit den Mönchen der Ramakrishna Mission konnte ich die täglichen Praktiken und die Weltsicht einer Form des Hinduismus kennenlernen und in mich aufnehmen, die modern ist und sich den heutigen Bedürfnissen der indischen Gesellschaft angepasst hat – indem sie neben spiritueller Fürsorge auch Bildung und Gesundheitsversorgung anbietet.
Durch mein Leben bei den Jesuiten in Madras wiederum konnte ich die Entwicklung der christlichen Kirchen Indiens studieren: von einer westlich orientierten Missionskirche mit ihrem Schwerpunkt auf Bildung, Gesundheitsversorgung und Gemeinschaftsbildung hin zu einer Kirche, die sich indischen Lebensweisen anpasst und indische Formen der Verehrung und Spiritualität aufnimmt.
In den 1970er Jahren begannen die indischen Kirchen überall in Südindien Ashrams zu errichten, nach dem Vorbild der alten hinduistischen Ashram-Gemeinschaften. Hindus wie Christen wurden dort als Gäste willkommen geheißen. Damit begann eine Entwicklung, die jahrhundertealte Barrieren und Missverständnisse zwischen der hinduistischen Gemeinschaft und den christlichen Kirchen aufzubrechen half.
Kommunikation auf Englisch und in der Muttersprache
Ein besonderes Vermächtnis der christlichen Kirchen, ihr Beharren auf einer qualifizierten englischsprachigen Bildung, hat die städtische Gesellschaft Indiens in den vergangenen fünfzig Jahren verändert. Sie lässt sich nicht mehr wegdenken oder durch eine Ausbildung in den regionalen Sprachen ersetzen. Warum? Erstens ist Englisch im Großen und Ganzen als eine indische Sprache mit ganz eigener Prägung akzeptiert worden. Zweitens ist Englisch das Fenster zur Welt. Es ermöglicht und erleichtert das Studium an Universitäten in Indien und im Ausland, den Handel mit der Welt und die Teilhabe am Weltgeschehen.
Doch die offenkundige Notwendigkeit, Englisch zu beherrschen, hat auch eine Kehrseite. Lassen Sie mich das etwas näher erklären: In Kolkata arbeitete ich als Deutschlehrer, und in Madras absolvierte ich an der Universität einen M.A.-Studiengang in indischer Philosophie. Während dieser sechs Jahre las ich intensiv über indische Religionen, Philosophie und Literatur. Ich arbeitete mich durch die acht Bände der Complete Works von Swami Vivekananda und durch das Gospel of Sri Ramakrishna, die Gespräche Ramakrishnas mit seinen Schülern. Dadurch erschloss sich mir ein tieferes – ein spirituelles und emotionales – Verständnis der hinduistischen Gesellschaft.
All diese Bücher und Studien waren auf Englisch. Obwohl ich große Anstrengungen unternahm, Indien zu verstehen und schätzen zu lernen, erkannte ich, dass mir noch ein entscheidender Schlüssel fehlte, um die Schätze des indischen Geistes zu erschließen. Was war dieser Schlüssel? – Ich musste eine indische Sprache lernen.
Also kehrte ich nach Westbengalen zurück, schrieb mich an Tagores Universität Visva-Bharati in Santiniketan ein und lernte Bengali. Für mich war dies ein entscheidender Schritt. Während ich Bengali lernte, begann ich die tiefe Verbindung der indischen Psyche mit sabda – mit dem Wort – zu erahnen, das der göttliche Ursprung der Schöpfung ist. Die Muttersprache ist jene Wurzel, die am tiefsten in den Urgrund menschlicher Existenz reicht. Mit Staunen und Verwunderung erlebte ich, wie sich mir Herz und Geist der Menschen öffneten, als ich begann, mit ihnen in ihrer Muttersprache Bengali zu sprechen.
Hier zeigt sich die besondere Komplexität der indischen Situation in unserer Zeit. Die Kenntnis des Englischen ist für Inder von größter Bedeutung geworden, um mit der Weltgemeinschaft, aber auch untereinander kommunizieren zu können. Innerhalb von fünfzig Jahren hat sich die Vernetzung der verschiedenen Regionen Indiens um ein Vielfaches verstärkt. Dazu haben eine bessere Infrastruktur und eine schnellere und einfachere Mobilität von einem Ende Indiens zum anderen beigetragen.
Vor fünfzig Jahren gab es bereits Flugverbindungen zwischen den indischen Metropolen. Für einen Angehörigen der Mittelschicht war es jedoch undenkbar, etwa von Bombay nach Kolkata oder von Madras nach Delhi zu fliegen, um eine Pilgerreise zu unternehmen oder Sehenswürdigkeiten zu besuchen. Langsame Züge waren das übliche Verkehrsmittel.
Heute ist das anders. Von Santiniketan aus muss ich beispielsweise nicht mehr nach Kolkata fahren, um einen Flug nach Delhi oder Mumbai zu nehmen. Stattdessen fahre ich mit dem Taxi oder Bus nach Durgapur und halbiere damit meine Reisezeit zu einem Flug nach Delhi oder Mumbai. Die Zahl der Flughäfen hat enorm zugenommen. Und wenn ich einen Inlandsflug besteige, sehe ich Familien, die vermutlich der unteren Mittelschicht angehören, ganz selbstverständlich ihre Plätze einnehmen und sich mit den üblichen Abläufen des Fliegens zurechtfinden. Die Bedeutung des Englischen als verbindende Sprache zeigt sich dabei auf Schritt und Tritt.
Ebenso wichtig ist es jedoch, in der eigenen Herkunftssprache verwurzelt zu bleiben, um die eigene Identität und die Verbindung mit dem tieferen Selbst, mit der eigenen Seele, zu bewahren. Und ich betone: Indien bleibt uns Nicht-Indern im Grunde verschlossen, solange wir nicht in der Lage sind, mit den Menschen in ihren eigenen Sprachen zu sprechen. Ich habe viele Inder erlebt, die ausschließlich mit Englisch aufgewachsen sind, ihre Verwurzelung verloren haben und ihr Leben lang nach ihrer tieferen Identität suchen. So sehr also das Erlernen des Englischen zum Wohl des Landes fortgesetzt und gefördert werden muss, so wenig darf die Pflege der Muttersprache aufgegeben werden.
Indiens Bevölkerung hat sich in fünfzig Jahren verdoppelt
Als ich Mitte der 1970er Jahre nach Indien kam, betrug die Bevölkerung Indiens 650 Millionen Menschen. In den vergangenen fünfzig Jahren hat sie sich mehr als verdoppelt. Heute liegt sie bei ungefähr 1,4 Milliarden. Wenn ich gebeten werde, über die Veränderungen des vergangenen halben Jahrhunderts zu sprechen, ist diese Verdoppelung der Bevölkerung eine wichtige – vielleicht die wichtigste – Triebkraft des Wandels.
Die gesamte Infrastruktur musste in großer Eile ausgebaut werden: Strom, Wasserversorgung, Wohnungen, Straßen, Autos, Zweiräder, dann Lieferketten, Lagerhäuser, Supermärkte, Fabriken … was immer man nennen möchte!
Europa hatte mindestens anderthalb Jahrhunderte Zeit, sich von einer Agrargesellschaft zu einer industrialisierten städtischen Gesellschaft zu entwickeln. Danach brauchte Europa weitere fünfzig Jahre, um in das Internetzeitalter einzutreten. Indien musste den gesamten Weg von einer Agrargesellschaft innerhalb von fünf Jahrzehnten zurücklegen und dabei ständig mit einer explosionsartig wachsenden Bevölkerung Schritt halten.
Diese Hast ist überall sichtbar, von den Megastädten bis in die Dörfer. Wo blieb die Zeit für einen vorausschauenden und gründlich diskutierten Plan und für eine schrittweise Umsetzung, die zukünftige Erweiterungen und Veränderungen ebenso berücksichtigt wie Umweltanforderungen und die Herausforderungen eines sich wandelnden Klimas? Wohnungen, Wasser und Energie mussten für Millionen von Menschen in rasender Eile bereitgestellt werden.
Ich habe diese Entwicklung in und um Santiniketan beobachtet, wo ich mehr als vierzig Jahre verbracht habe. In Dörfern, die ursprünglich von Lehmhütten geprägt waren, entstanden hässliche kleine Ziegelhäuser. Strom- und Wasserversorgung, Toilette und Küche waren nicht Teil der Planung, sodass die Ziegelhäuser weitgehend ungenutzt blieben. Dorfstraßen erhielten eine Betondecke, wodurch das Regenwasser stehen blieb. Und in Kolkata schossen lange Reihen mehrstöckiger Gebäude aus dem Boden, eines genau wie das andere entworfen. Eine ungeheure Verschwendung von Talent, wie ich fand.
In den vergangenen zwanzig Jahren kamen die sogenannten gated communities hinzu, die inzwischen einen Ring um Kolkata bilden. Wir sehen Wohntürme, die Dutzende Stockwerke hoch aufragen und von hohen Mauern geschützt werden. Dieser luxuriöse Lebensstil – der inzwischen für immer mehr Menschen erschwinglich wird – ist vom Leben der „gewöhnlichen“ Bevölkerung abgeschottet. Mehr noch: Ein solches Leben hinter Mauern entspricht nicht dem Lebensrhythmus der Inder, ganz gleich, ob sie wohlhabend oder arm sind.
Ich habe aber auch bemerkenswerte Fortschritte erlebt. Die Dörfer in Westbengalen, deren Entwicklung ich beobachtet habe, mögen noch immer als vergleichsweise „arm“ gelten, doch Hunger gibt es dort nicht mehr. Tuberkulose ist so gut wie ausgerottet, ebenso Lepra. Malaria ist selten geworden.
Ich beobachte eine widersprüchliche und oft nur halb vollendete Umsetzung der verschiedenen Programme, mit denen eine gewaltige Bevölkerung versorgt werden soll. Dringend notwendig sind eine Vision für die zukünftigen Bedürfnisse der gesamten Bevölkerung und eine ernsthafte Umsetzung der entsprechenden Vorhaben. Natürlich bin ich mir der gewaltigen Probleme bewusst, vor denen die indische Bürokratie steht. Ein bekannter indischer Journalist sagte einmal mit einer resignierten Handbewegung zu mir: „Alles, was man in Indien anfasst, wird groß.“
Es ist ein Ausdruck der Widerstandskraft der indischen Bevölkerung, dass sie trotz all ihrer alltäglichen Probleme weiter voranschreitet und im Großen und Ganzen den sozialen Frieden bewahrt. Zugespitzter gesagt glaube ich, dass es ein Ausdruck jener inneren Kraft der hinduistischen Religion ist, wie ich sie kennengelernt habe. Oder, um einen amüsanten Satz zu zitieren, den ich oft gehört und selbst häufig wiederholt habe: „Indien funktioniert nur durch die Gnade Gottes.“
Die Magie der Vernetzung
Als ich Mitte der 1970er Jahre nach Indien kam, konnte ich meine Eltern nur mithilfe eines öffentlichen Telefons auf dem Postamt erreichen. Ein Angestellter meldete das Gespräch an, dann wartete ich auf unbestimmte Zeit – vielleicht 15 Minuten, vielleicht zwei Stunden –, bis die Verbindung zustande kam. Anschließend musste ich die vergleichsweise hohen Gebühren bezahlen. Ich habe von dieser Möglichkeit nie Gebrauch gemacht. Nachdem ich Deutschland verlassen hatte, hörte ich die Stimmen meiner Eltern erst wieder, als ich zwei Jahre später zu Besuch zurückkehrte. Heute ist das in Deutschland wie in Indien kaum noch vorstellbar. Wir sind an unmittelbare Erreichbarkeit gewöhnt.
Die nächste Stufe begann, als an jeder Straßenecke Telefonkabinen auftauchten. Telefonieren wurde einfacher, blieb aber teuer. Später durften wir Telefone in unseren Privatwohnungen installieren, und noch einmal etwa zehn Jahre später wurden Mobiltelefone zum alltäglichen Anblick.
Die beiden Neuerungen, die die indische Gesellschaft revolutioniert haben, waren das Fernsehen und das Mobiltelefon. Ich erinnere mich an die Zeit, als das Schwarzweißfernsehen Kolkata erreichte. Im Ashram von Narendrapur drängten sich abends selbst die Mönche um den kleinen Fernseher. Nach und nach wurde das Fernsehen zum wichtigsten Unterhaltungsmedium für die breite Bevölkerung. Selbst in vielen Slumhütten sehe ich diese kleinen Fernsehgeräte von der Decke hängen. Es mag Armut herrschen, doch Fernsehen wird zu einer Notwendigkeit wie Schlaf und Nahrung.
Das fügt sich mühelos in die Welt der Bollywood-Filmindustrie ein. Schließlich ist Fernsehen billiger als eine Kinokarte. Dabei war mir immer bewusst, wie sehr die Menschen in Indien von visuellen Eindrücken fasziniert sind, wie sehr sie danach dürsten, beinahe gierig darauf sind. Neben sabda, neben dem Wunsch zu sprechen und sich durch Worte auszudrücken, besteht dieses tiefe Verlangen zu sehen, die ganze Welt mit den Augen zu umfassen.
Rabindranath Tagore schrieb das bezaubernde Theaterstück Das Postamt. Der junge Amal, der dem Tod nahe ist, trägt nur noch diesen einen Wunsch in sich: ami dekhbo kebal dekho! – „Ich will sehen, immerfort sehen!“
In den Dörfern erlaubte ich mir manchmal einen Scherz mit den Kindern. Ich stellte mich auf einen Dorfweg und blickte angestrengt zum leeren Horizont. Es dauerte nur wenige Minuten, bis sich eine Gruppe von Jungen und Mädchen um mich versammelt hatte und ebenfalls zum Horizont blickte. Es gab nichts zu sehen – aber sie gaben die Suche am Horizont nicht auf. Was für eine wunderbare Neugier!
Das Mobiltelefon oder Smartphone eroberte in kürzester Zeit jeden Winkel Indiens. Wo das Internet bereits angekommen war, befanden sich diese kleinen Wunderkästen, die so vieles – nun ja, beinahe alles – können, bald in den Händen jeder Familie. Wie das Fernsehen erfordert auch das Mobiltelefon keine besondere Bildung, um damit umgehen zu können. Lesen und Schreiben sind keine Voraussetzung. Jeder Bauernjunge nimmt heute sein Mobiltelefon mit aufs Feld, um die gerade beliebten Lieder zu hören. Manche Familien verzichten sogar auf den Fernseher und sehen ihre Lieblingsserien auf dem kleinen Smartphone-Bildschirm.
Das Mobiltelefon hat die gesamte Bevölkerung in seinen Bann gezogen, nicht nur die Menschen in den Dörfern. Die Möglichkeit, mit jedem in der Familie und im Freundeskreis – einfach mit jedem! – durch das Drücken einiger weniger Tasten Verbindung aufzunehmen, übt eine ungeheure Anziehungskraft aus.
Diese unwiderstehliche Faszination trifft auf die indische Begabung zur Kommunikation. Wie ich zu Beginn meiner Rede sagte, bin ich davon überzeugt, dass die Menschen in Indien – verglichen mit unserer deutschen Gesellschaft – über eine besondere Gabe und ein tiefes Bedürfnis verfügen, miteinander zu kommunizieren. Familien stehen ständig miteinander in Verbindung, sie sind emotional eng verbunden, und ihre Mitglieder sind stark voneinander abhängig. Hier erfüllt das Mobiltelefon ein elementares Bedürfnis.
In Deutschland ist der Höhepunkt dieses „Handyzaubers“ glücklicherweise bereits überschritten. In Schulen werden Regeln aufgestellt, um die Nutzung von Mobiltelefonen einzuschränken; Theater und Kinos bitten das Publikum vor jeder Vorstellung, die Telefone auszuschalten. Während Konferenzen und Seminaren das Mobiltelefon zu benutzen, würde als unhöflich gelten. Indien, fürchte ich, hat seinen Drang noch nicht unter Kontrolle, sofort nach dem Mobiltelefon zu greifen, sobald es klingelt. Ich habe erlebt, wie Mobiltelefone Reden, Konferenzen und andere öffentliche Veranstaltungen störten. Langsam, da bin ich sicher, werden sich die Prioritäten zurechtrücken.
Friedliche Jugendbewegungen weisen den Weg
Zum Ende möchte ich noch einen weiteren Aspekt des indischen Entwicklungsweges ansprechen. Ich möchte über seine Jugend sprechen.
Ich war selbst jung – gerade einmal 24 Jahre alt –, als ich mich in Indien niederließ. Ich wuchs mit den jungen Menschen der 1970er Jahre auf, und heute bin ich 77 Jahre alt. Fünfzig Jahre in Indien gelebt zu haben, war der Segen meines Lebens. Ich lebte mit hinduistischen Mönchen; ich wohnte bei christlichen Priestern; und in Santiniketan galt mein besonderes Interesse Rabindranath Tagore und der Adivasi-Bevölkerung in der Umgebung Santiniketans.
Bis heute fasziniert mich Rabindranaths Lebensphilosophie, die Liebe zu Gott und Liebe zur Welt gleichermaßen miteinander verbindet. Rabindranath verstand es, diese beiden Formen der Liebe – die der Hinduismus häufig als Gegensätze betrachtet – zu einer einzigen, untrennbaren Liebe zu verschmelzen. Das war für mich eine große Entdeckung. Ich habe viele seiner Lieder und Gedichte aus dem Bengali ins Deutsche übersetzt, in denen diese vereinte Liebe zu Gott und zur Welt zum Ausdruck kommt.
Mein ganz besonderes Interesse galt aber auch Tagores Schule, dem von ihm gegründeten Brahmachari Ashram. Ich beschäftigte mich mit seinen besonderen Vorstellungen von Bildung. Ich engagierte mich für die Entwicklung zweier Adivasi-Dörfer der Santal in einiger Entfernung von Santiniketan und erkannte gemeinsam mit einigen jungen, gebildeten Santal aus Ghosaldanga und Bishnubati, dass Entwicklung nur durch Bildung möglich und von Dauer sein kann.
Daraufhin gründeten wir in der Nachbarschaft dieser beiden Dörfer eine Tagesschule, das Rolf Schoembs Vidyashram, nach dem Vorbild Rabindranath Tagores ganzheitlicher, umfassender Bildung. Die Schule wird bis heute von den engagierten Männern aus diesen beiden Dörfern geführt, die sie damals mitbegründeten. In diesem Jahr feiert die Schule ihr 30-jähriges Jubiläum!
Ich habe gelesen, dass 40 Prozent der heutigen indischen Bevölkerung von 1,4 Milliarden Menschen jünger als 24 Jahre sind. Indien ist ein junges Land, jugendlich und voller Überschwang, begierig darauf, das eigene Leben zu gestalten, zugleich aber auch zornig, weil es zu wenige Möglichkeiten für gute Arbeitsplätze mit angemessenen Löhnen gibt. Ich habe versucht, die Anstrengungen und Schwierigkeiten dieser jungen Männer und Frauen um mich herum so intensiv wie möglich mitzuerleben.
Mein Leben in Indien war nicht einfach; es brachte Schwierigkeiten, Enttäuschungen und Zurückweisungen mit sich – ganz zu schweigen von meinen eigenen persönlichen Unzulänglichkeiten. All das gehörte dazu. Was aber meinen Mut aufrechterhalten und meine literarische und soziale Arbeit vorangetrieben hat, ist die Energie und, lassen Sie es mich so sagen, die unschuldige Vitalität der jungen Menschen Indiens. Sie waren meine Inspiration und mein Trost.
Wenn wir also in dieser Rede über die Entwicklung Indiens sprechen, muss auch die Entwicklung der Kraft der Jugend den ihr gebührenden Platz erhalten. Selbst einige deutsche Medien haben darüber berichtet, dass Studierende in Indien begonnen haben, für das einzutreten, was ihnen zusteht: faire Prüfungen und faire Möglichkeiten, Teil des gesellschaftlichen Gefüges zu werden. Dieser Kampf geht weiter.
Ich hege jedoch die Hoffnung, dass die jungen Menschen Indiens verantwortungsbewusst und engagiert genug sein werden, um mit ihrer charakteristischen Vitalität auf friedlichem Wege wohlüberlegte Veränderungen herbeizuführen.
Anm. d. Red.: Diese Rede wird mit ausdrücklicher Genehmigung von Dr. Martin Kämpchen exklusiv auf theinder.net veröffentlicht. Jede Vervielfältigung, Wiederveröffentlichung oder anderweitige Nutzung des Textes bedarf der vorherigen Genehmigung des Urhebers.
Wie Sie diesen Artikel zitieren
Kämpchen, Martin (2026): „Der Wandel einer Nation – Meine Erfahrungen aus fünfzig Jahren in Indien“ theinder.net – Indien-Magazin für Deutschland, veröffentlicht am 2. Oktober 2026. Rede gehalten auf den Indientagen, Trier, 25. September 2026. ISSN 3056-5006. URL: https://www.theinder.net/2026/10/02/indienrede2026_deu
Über den Autor
Martin Kämpchen, Jahrgang 1948, ist Schriftsteller, Literatur- und Religionswissenschaftler sowie Übersetzer und zählt zu den profiliertesten Vermittlern zwischen Indien und Deutschland. Seit fünf Jahrzehnten lebte und arbeitet er in Indien, vor allem in Santiniketan. Ein Schwerpunkt seines Werks gilt Rabindranath Tagore, dessen Schriften und Lyrik er ins Deutsche übersetzt hat. Für sein literarisches und kulturelles Wirken wurde Kämpchen vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Rabindranath Tagore Literature Prize und dem Bundesverdienstkreuz.
Weitere Informationen
- Martin Kämpchen: „Ich vermisse Indien jeden Tag“
- „Der Duft des Göttlichen“ – Indien aus der Nähe gedacht
- Martin Kämpchen – YouTube Videos

