StartCommunityDeutsch-indische Geschichten3. Oktober 1990: Eine Zäsur für Indiens Deutschlandpolitik

3. Oktober 1990: Eine Zäsur für Indiens Deutschlandpolitik

Mit der deutschen Einheit endete 1990 auch für Indien eine besondere außenpolitische Konstellation: Neu-Delhi hatte über Jahrzehnte Beziehungen zu beiden deutschen Staaten entwickelt. Am 3. Oktober liefen diese beiden Stränge in einem Verhältnis zum vereinten Deutschland zusammen.

Deutschland und Indien: Mit der deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 endete auch für Neu-Delhi eine außenpolitische Konstellation, in der Indien Beziehungen zu beiden deutschen Staaten unterhalten hatte. Illustration: theinder.net / KI-generiert

Der 3. Oktober 1990 veränderte die politische Ordnung Europas. Seine Folgen reichten jedoch darüber hinaus. Für Indien endete eine Konstellation, die sich über Jahrzehnte entwickelt hatte: das Nebeneinander von Beziehungen zur Bundesrepublik Deutschland und zur Deutschen Demokratischen Republik.

Indien hatte bereits am 7. März 1951 diplomatische Beziehungen zur Bundesrepublik aufgenommen und gehörte damit zu den ersten Staaten, die dies nach deren Gründung taten. 2026 jährt sich dieser Schritt zum 75. Mal.

Zur ebenfalls 1949 gegründeten DDR bestanden zunächst keine diplomatischen Beziehungen. Kontakte gab es dennoch. Handel, kultureller Austausch und politische Verbindungen entwickelten sich lange vor der formellen Anerkennung. Für Ost-Berlin war Indien zugleich ein wichtiges Land im Bemühen, außerhalb des sowjetischen Machtbereichs internationale Anerkennung zu gewinnen.

Zwischen Bonn und Ost-Berlin

Indiens Umgang mit den beiden deutschen Staaten war Teil seiner Außenpolitik im Kalten Krieg. Die Bundesrepublik versuchte mit der Hallstein-Doktrin, eine diplomatische Anerkennung der DDR durch andere Staaten zu verhindern. Indien wiederum gehörte zu den maßgeblichen Staaten der Blockfreienbewegung und vermied es, seine Außenbeziehungen vollständig der Logik der beiden Machtblöcke unterzuordnen.

Die daraus entstehende Balance lässt sich in den Debatten des indischen Parlaments verfolgen. 1966 musste Außenminister Swaran Singh im Rajya Sabha erklären, weshalb Indien die DDR nicht diplomatisch anerkannte. Er stellte zugleich klar, dass Neu-Delhi seine Handels- und Wirtschaftsbeziehungen zu Ost-Berlin ausbauen wollte. Die Zurückhaltung bei der Anerkennung begründete die Regierung mit ihrer Position zur ungelösten deutschen Frage.

Indien unterschied damit zwischen diplomatischer Anerkennung und praktischer Zusammenarbeit. Bonn blieb der offiziell anerkannte deutsche Partner, während die Beziehungen zur DDR wuchsen.

Am 8. Oktober 1972 nahm Indien schließlich auch diplomatische Beziehungen zur DDR auf. Bis 1990 unterhielt Neu-Delhi damit offizielle Beziehungen zu zwei deutschen Staaten.

Diese entwickelten sich unter unterschiedlichen Voraussetzungen. Mit der Bundesrepublik war bereits eine umfangreiche wirtschaftliche und entwicklungspolitische Zusammenarbeit entstanden. Die DDR setzte ebenfalls auf Handel und wissenschaftlichen Austausch, daneben aber auch auf Kulturpolitik. Literaturübersetzungen, Hochschulkontakte und das Hindi-Programm von Radio Berlin International gehörten zu dieser Präsenz.

Was sich 1990 änderte

Der Fall der Berliner Mauer im November 1989 veränderte die Voraussetzungen innerhalb weniger Monate. Mit der deutschen Einheit am 3. Oktober 1990 entfiel für Indien die Notwendigkeit einer parallelen Politik gegenüber Bonn und Ost-Berlin.

Eine außenpolitische Kehrtwende war damit nicht verbunden. Indien hatte eine deutsche Wiedervereinigung nicht grundsätzlich abgelehnt. Die deutsche Botschaft in Neu-Delhi hält rückblickend fest, dass Indien den Vereinigungsprozess mit „Sympathie und Unterstützung“ begleitet habe.

Die eigentliche Veränderung war struktureller Natur: Aus zwei staatlichen Beziehungen wurde eine. Damit endeten die Beziehungen zur DDR als eigenständiger diplomatischer Komplex. Ihre Vorgeschichte wurde jedoch nicht obsolet. Wirtschaftliche, wissenschaftliche und kulturelle Verbindungen aus der Zeit der deutschen Teilung gehören ebenso zur Geschichte der heutigen deutsch-indischen Beziehungen wie die Kontakte zwischen Indien und der alten Bundesrepublik.

Das ist auch deshalb von Bedeutung, weil die deutsch-indischen Beziehungen nach 1990 zunehmend auf gesamtdeutscher Grundlage institutionalisiert wurden. Im Jahr 2000 begründeten beide Staaten ihre strategische Partnerschaft. Seit 2011 sind die deutsch-indischen Regierungskonsultationen ein zentrales Instrument der Zusammenarbeit.

Der 3. Oktober 1990 war damit auch für die deutsch-indischen Beziehungen eine Zäsur. Indien musste seine Haltung zu Deutschland nicht grundsätzlich neu bestimmen. Was zu Ende war, war die Notwendigkeit, Deutschland außenpolitisch doppelt zu denken.

Quellen

Priya Patekar
Priya Patekar
Priya Patekar schreibt für theinder.net über indische Geschichte, Politik und Gesellschaft. Ihr besonderes Interesse gilt der Unabhängigkeitsbewegung, prägenden Persönlichkeiten sowie historischen Ereignissen und Zusammenhängen, die bis in das heutige Indien nachwirken.

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