Deutschland profitiert von gut ausgebildeten indischen Ingenieuren, Wissenschaftlern und IT-Spezialisten. Doch ihre Ausbildung wurde häufig in Indien finanziert. Ist die Fachkräftezuwanderung damit tatsächlich ein Gewinn für beide Länder? Jose Punnamparambil über eine wirtschaftliche Frage, die in der deutschen Migrationsdebatte zu wenig Beachtung findet.

Deutschland wirbt seit Jahren gezielt um gut ausgebildete Fachkräfte aus Indien. Besonders gefragt sind Ingenieure, Informatiker, Naturwissenschaftler und andere Spezialisten aus den sogenannten MINT-Berufen. Sie sollen helfen, den Fachkräftemangel zu überwinden und die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft zu sichern.
Dabei wird häufig übersehen, dass viele dieser Fachkräfte bereits mit einem abgeschlossenen Studium nach Deutschland kommen. Ihre Ausbildung wurde zuvor von indischen Hochschulen, vom Staat und vor allem von ihren Familien finanziert. Deutschland erhält damit qualifizierte Arbeitskräfte, ohne die gesamten Kosten ihrer Ausbildung selbst tragen zu müssen.
Die Ausbildung eines Ingenieurs oder Naturwissenschaftlers ist schließlich nicht kostenlos. Universitäten benötigen Gebäude, Labore, technische Einrichtungen und qualifiziertes Lehrpersonal. Hinzu kommen die Ausgaben der Familien für den Lebensunterhalt und die Ausbildung ihrer Kinder. Wenn diese jungen Menschen anschließend nach Deutschland auswandern, kommt ein wesentlicher Teil des Ertrags dieser Investitionen zunächst dem deutschen Arbeitsmarkt zugute.
Ist das gerecht? Die Frage lässt sich nicht einfach mit Ja oder Nein beantworten. Schließlich entscheiden sich die jungen Menschen freiwillig für eine Tätigkeit im Ausland. Sie suchen bessere berufliche Möglichkeiten, höhere Einkommen und persönliche Sicherheit. Dieses Recht sollte niemand infrage stellen.
Auch Indien profitiert von der Auswanderung. Viele Migranten unterstützen ihre Familien durch regelmäßige Geldüberweisungen. Andere investieren in Immobilien, Unternehmen oder soziale Einrichtungen. Besonders erwähnenswert ist das Engagement indischer Ordensschwestern und Priester, die mit einem Teil ihrer Einkünfte Bildungs- und Gesundheitsprojekte in ihrer Heimat unterstützen. Solche Hilfen erreichen vielfach Menschen, die von der wirtschaftlichen Entwicklung Indiens nur wenig profitieren.
Doch Geldüberweisungen allein können den Verlust qualifizierter Arbeitskräfte nicht immer ausgleichen. Wenn ein gut ausgebildeter Arzt oder Wissenschaftler Indien verlässt, fehlen seine Kenntnisse zunächst im eigenen Land. Andererseits finden längst nicht alle indischen Hochschulabsolventen dort eine Beschäftigung, die ihrer Qualifikation entspricht. Für sie kann die Auswanderung eine berufliche Chance sein, die ihnen zu Hause verwehrt bleibt.
Deshalb sollte die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Indien über die bloße Anwerbung von Fachkräften hinausgehen. Beide Länder haben 2022 ein Migrations- und Mobilitätsabkommen geschlossen. Das ist ein wichtiger Schritt. Entscheidend wird jedoch sein, was daraus in der Praxis entsteht.
Warum sollten deutsche Unternehmen, die von indischen Fachkräften profitieren, nicht auch stärker in deren Ausbildung in Indien investieren? Gemeinsame Studiengänge, Forschungsprogramme und berufliche Ausbildungszentren könnten dazu beitragen, dass zusätzliche Qualifikationsmöglichkeiten entstehen, von denen beide Länder profitieren. Auch ein zeitlich begrenzter Austausch von Wissenschaftlern und Ingenieuren wäre sinnvoll.
Eine solche Zusammenarbeit würde zugleich die wirtschaftlichen Beziehungen vertiefen. Deutschland benötigt qualifizierte Arbeitskräfte und Indien braucht hochwertige Ausbildungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten für seine junge Bevölkerung. Beide Interessen müssen sich nicht widersprechen.
Allerdings sollte man nicht davon ausgehen, dass die Vorteile der Migration automatisch gerecht verteilt werden. Deutschland erhält Arbeitskräfte, Indien erhält Rücküberweisungen und internationale Kontakte. Ob dies auf beiden Seiten einen gleichwertigen Nutzen ergibt, lässt sich daraus allein nicht ableiten.
Eine wirkliche Partnerschaft sollte deshalb nicht nur daran gemessen werden, wie viele indische Fachkräfte jährlich nach Deutschland kommen. Ebenso wichtig ist, welchen Beitrag Deutschland zur Ausbildung, Forschung und wirtschaftlichen Entwicklung in Indien leistet.
Denn eine Partnerschaft, von der beide Länder profitieren sollen, darf nicht erst beginnen, wenn der indische Hochschulabsolvent seinen Arbeitsvertrag in Deutschland unterschreibt.
Quellen
- Bundesministerium für Arbeit und Soziales: Fachkräftestrategie Indien (2024) – Deutsche Fachkräftepolitik und indischer Arbeitsmarkt. BMAS
- Internationale Arbeitsorganisation: India–Germany Migration Corridor Analysis (2026) – Bilaterale Migration, Qualifizierung und Mobilität. International Labour Organization
- Europäisches Parlament: How labour migration affects countries of origin (2025) – Brain Drain, Rücküberweisungen und Wissenstransfer. European Parliament
- Jose Punnamparambil: Wenn Talente gehen
Anm. d. Red.: Bundesverdienstkreuz- und Tagore-Preisträger Jose Punnamparambil ist einer der bedeutendsten deutsch-indischen Publizisten der Gegenwart, u.a. Gründer der Zeitschrift „Meine Welt“ und seit 2025 als Kolumnist für theinder.net tätig (Pressemitteilung).

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